Liegebummler – Weltreise mit dem Liegerad

USA – Rocky Mountains via Liegerad


Missoula in Montana verließen wir mit dem Wissen: Bald kommen wir nicht mehr aus dem Pässe zählen heraus. Unsere Route sollte mehr oder weniger gen Süden, und damit immer an bzw. durch die Rocky Mountains führen. Steigungen mit unseren Liegerädern sind so eine Sache, bis 5 % Steigung ist alles kein Problem, alles über 8 % ist schlicht hässlich (auch dank der meist rund 50-60 kg schweren Rädern).  Uns fehlt das – im Vergleich zu normalen Fahrrädern – das „Aufstehen“, also das Körpergewicht einzusetzen, und somit muss alles aus den Oberschenkeln kommen. Aber auch hier zeigte sich mal wieder schnell für uns, wie extrem die Psyche unseren Körper beeinflussen kann. Mit der Angst „ohh nein, was ein Scheiss, dieser verdammter Berg ist sooo hoch“ wird jeder größere Hügel zu einer Quälerei, sobald man aber ehrlich zu sich sagen kann „ok, Berg – ich fahre dich jetzt hoch weil ich Kraft genug habe und das Glücksgefühl an der Passhöhe kenne“ ist alles gut. So verlor der erste Pass (Chief Joseph Pass mit 2255 m ü.M), und die erste Überquerung der kontinentalen Wasserscheide Nordamerikas, an Respekt – trotzdem mussten wir deutlich mehr/schneller schnaufen als bisher, dies war wohl der uns seit vielen Monaten unbekannten Höhe (bisher waren wir nie über 1400 m ü.M.) geschuldet. Bis zum ersten Pass ging es für unglaubliche 70 km von Missoula gen Süden auf einem Fahrradweg – so ein langer Radweg ist uns seit über 9 Monaten nicht untergekommen. Vor dem eigentlichen Passanstieg gab es einige heiße Quellen; auf einem Campingplatz mit heißen Pool genossen wir diese gut tuende Wärme bei teilweise doch gut herbstlichen Temperaturen.
Das Tolle an der kontinentalen Wasserscheide ist, dass ein landschaftlicher Wechsel bei der Überquerung garantiert ist. Vor der Passhöhe noch viel Wald und Flüsse gab es hinter dem Pass nur noch trockene Steppe im riesigen flachen Becken namens „Big Hole“. Hier trafen wir uns auch wieder mit dem Biketrio, die zwar mittlerweile auf ein Wohnmobil umgestiegen sind, was uns aber nicht daran hinderte über eine Woche zusammen zu reisen. Herrliche Tage geprägt von phantastischen Wetter, landschaftlichen Highlights und recht einsamen Gegenden radelten wir immer weiter ins Landesinnere – mit dem Ziel Yellowstone Nationalpark. Diesen hatten wir uns als Fixpunkt an der Pazifikküste vor über 1000 km Luftlinie gesetzt, wo wir (spätestens) nach Süden abbiegen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, in den Winter zu kommen.
Einige Pässe später erreichten wir das kleine Örtchen Twin Bridges und staunten nicht schlecht, als wir das kostenlose „Bikecamp“ dort antrafen: Kostenlose heiße Duschen, gutes Trinkwasser, Abspülbecken, einen trockener Aufenthaltstraum und top Rasen zum Campen außen rum, inklusive kleinem Fluss zum Abkühlen – damit sind sämtliche Bedürfnisse für Tourenradler abgedeckt. Am nächsten Tag war Danieles Geburtstag und dieser Platz schrie förmlich nach einem schönen Ruhetag. Bei herrlichen Sommerwetter spielten wir Frisbee, lagen im Rasen, plantschten im Fluss und genossen die Freiheit, die wir uns immer wieder vor Augen führen, damit sie nicht zur Normalität wird.
Auch unser bisher enormes Wetterglück machte manchmal Pause: Paar Tage nach Twin Bridges zeigte uns das Wetter bzw. der Gegenwind den Stinkefinger. Unser Weg ging entlang eines ansteigenden Tales gen Süden, wo wir nach nur 30 km kapitulieren mussten: Bei sicher über 40 km/h Nord- und damit Gegenwind mit noch viel stärkeren Böen ging es nur mit wenig über 10 km/h vorwärts, was eine unnötige Kraftverschwendung darstellte. An einem Fluss bot sich dann aber ein toller Campspot mit Bergpanorama, wo wir den Tag im Wind verbrachten und auf den Folgetag hofften. Vor Sonnenaufgang stellten wir uns den Wecker für den nächsten Morgen, um möglichst früh und schnell aus der Windschneise/Tal rauszukommen – aber aussichtslos: Schon vor Sunrise ballerte wieder der Gegenwind so dass wir das „Taxi“ für 70 km mit dem Wohnmobil vom Biketrio annahmen. Autofahren kam uns vor wie Fernsehschauen, man sieht zwar alles, riecht aber nichts, spürt nichts, sitzt nur eingesperrt rum und kommt irgendwie leer an Ziel an. Reisen mit dem Fahrrad bleibt definitiv unsere Nummer 1!
Der Yellowstone Nationalpark begann für uns mit dem Einfallstor im Westen bzw. dem kleinen Städtchen dort, und schnell wurde die Hässlichkeit dieser Gelddruckmaschine der dortigen Tourismusindustrie offensichtlich. Parallelen zum Uluru (Ayers Rock) und Yulara kamen uns sofort in den Sinn. Unglaubliche vier Millionen Besucher zählt der Yellowstone Nationalpark pro Jahr, zum Glück waren wir in der Nachsaison dort, was trotzdem mehr als genug Autos auf den Straßen bedeutete. So viele Autos hatten wir seit Wochen nicht mehr. Es ging dafür gleich mit Bison Nummer 1 gleich gut los; das Tier beeindruckte uns wegen der Größe doch sehr. Wenig später spazierte ein Bison gemächlich über die Straße, vollkommen uninteressiert an den Fahrzeugen und Menschen. Vor der Massenabschlachtung der Weißen liefen in Nordamerika einige dutzend Millionen (!) dieser Tiere rum – was muss das nur für ein imposantes Schauspiel gewesen sein.
Wie sollte es fast schon anders sein als wir durch die Geysir-Gegend fuhren: Stahlblauer Himmel mit herbstlichen Licht bot das perfekte Schauspiel auf die Vulkantätigkeiten. Ein tolles Naturspektakel und deutlich fotogener als in Neuseeland. Ein kleinerer Geysir ist nur via Fuß oder Fahrrad und paar Kilometer zu erreichen, der Rückweg hatte es dann in sich. Toni (Biketrio) fuhr paar Meter – für uns nicht sichtbar – auf dem kurvigen Forstweg mit dem Rad voraus als er uns plötzlich zu Fuß wild winkend entgegen kam. Wir bremsten sofort ab und er deutete in Fahrtrichtung: Bison auf dem Weg, keine 15 Meter weg. Er selbst konnte wohl noch gerade so vor ihm bremsen, wir stellten die Fahrräder auch sofort ab und hüpften paar Meter die Böschung hinauf. Von dort aus beobachteten wir den stattlichen Bison wie er seelenruhig an unseren Fahrrädern vorbei ging, etwas am Gras knabberte und danach weiterer trottete. Unser Puls war derzeit definitiv deutlich erhöht. Der Puls blieb auch erhöht weil wir danach noch dreimal die kontinentale Wasserscheide zu überqueren hatten, auch weil fast alle Campingplätze schon geschlossen hatten. Nach einem langen Tag mit 1000 Höhenmeter voller eindrücklicher Naturschönheiten kamen wir ziemlich fertig an einen Campingplatz mit See an – das tägliche Bad, eh klar, inklusive.
Nach dem Yellowstone Nationalpark begann fast anschließend der Grand Teton Nationalpark mit Bergen bis 4199 Meter mit weiterhin perfektem Herbstwetter für uns. Ein Postenkartenwetter und Motiv nach dem Anderen und damit sattsehen deluxe. Der einige 1000 km große Inlandloop hat sich für uns bisher mehr als gelohnt, was hätten wir alles verpasst, wenn wir nur die Küste runtergefahren wären! Immer weiter rein in die einsamen Gegenden rund um die Rocky Mountains gefielen uns sehr. Berge haben einfach eine viele größere Ausstrahlung und bieten x-mal mehr Abwechslung als flache Gebiete. Stephans Geburtstag feierten wir in Jackson zusammen mit dem Biketrio, gleichzeitig hieß es hier auch Abschied nehmen – see you in Madrid!
Von Jackson ging es wieder mal stetig hinauf, so dass wir uns – wie in den letzten 10 Tagen fast immer – wieder über 2000 m über Meer bewegten. Mittlerweile merkten wir die Höhe bzgl. Atmung deutlich weniger, und das „Passhüpfen“ kann getrost weiter gehen. Die Landschaft änderte sich mal wieder massiv, es wurde fast schon Wüstenähnlich in diesem Teil Wyomings und wir fühlten uns für zwei Fahrtage an Australien erinnert – nur Kängurus und Emus fehlten. An das Wüstenhafte werden wir uns gewöhnen (müssen), Utah ist nicht mehr weit und damit alles andere als feucht. Dafür bleibt es „schön“ bergig, die Rockys sind weiterhin allgegenwärtig – bisher aber nie über 8 % und damit alles gut, auch für uns Liegeradfahrer.

3 Kommentare zu “USA – Rocky Mountains via Liegerad

  1. Heidi&Wolfi

    Hallo Danerl und Stephan,

    Langsames Reisen hat den Vorteil, dass die Seele schritthalten kann……….

    In diesem Sinn weiterhin alles Gute für die Weiterfahrt!
    LG und danke für die anschaulichen Berichte und die großartigen Bilder

    Heidi

  2. Mathias

    Hallo zusammen. Mit viel Genuss verfolge ich euren Bolg schon länger. Superschöne Bilder welche ihr immer hochladet. Viel Spass weiterhin und nicht vergessen ab und zu den Blog zu schreiben 🙂

  3. Maria und Werner

    Hallo Ihr Zwei, Ihr seid ja schon gewaltig vorwärts gekommen. Ja, die Rockies haben es schon in sich. Aber sie scheinen euch genau so gut zu gefallen wie uns. Wie immer tolle Bilder und Berichte. Weiterhin gute Fahrt und keinen Schnee 🙂
    Sind schon gespannt wie es weiter geht! VG Maria und Werner

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