Liegebummler – Weltreise mit dem Liegerad

Neuseeland Südinsel – es bleibt sportlich

Der Lake Tekapo ist wie der Lake Pukaki ein Überbleibsel von riesigen Gletschern der letzten Eiszeit vor paar 1000 Jahren, wo sich in der ehemaligen Endmoräne das Wasser natürlich anstaute. Die Neuseeländer waren der Welt einige Jahr(zehnte) voraus, und haben schon früher begriffen, dass sie geographisch bedingt ein Paradeland für erneuerbare Energien sind. Über 75 % des Strombedarfes wird heute damit abgedeckt, natürlich nicht ganz ohne sichtbare Veränderungen. So genießen wir eine endlich mal richtige flache Straße neben dem Wasserkanal vom Lake Tekapo und Lake Pukaki. Flach ist ein Wort was den Straßen Neuseelands ein Fremdwort ist. Manchmal dachten wir uns, dass die Straßenbauer mit Absicht jeden Hügel beim Bau mitnahmen – vielleicht wegen der Aussicht oder so. Das Panorama am Kanal war wie erwartet bombastisch, getoppt wurde dies kurz danach als uns der unwirklich türkise Lake Pukaki mit Mount Cook im Hintergrund in voller Pracht anlachte. Am Fuße des höchsten Berg Neuseelands (3754m) stellten wir unser Zelt auf, die Stunden davor auf dem Rad waren von vielen Fotostopps geprägt – einfach großes Kino wofür wir gerne die 100km Umweg (weil das Tal eine Einbahnstraße ist) auf uns nahmen. Die Aussicht ist deshalb so genial, weil das Tal und der See im Vergleich zu den Bergen sehr tief liegt und man fast bis zu den steilen Eiswänden hinfahren kann. Am nächsten Morgen standen wir früh auf um die Straße für uns zu haben und möglichst auch wenig Gegenwind zu haben. Das Tal zum Mt. Cook ist wohl schon für einige Radler unfahrbar gewesen, weil es genau in „Schussrichtung“ der hier sonst oft sehr starken Winde liegt.

Nach herrlichen Kilometern in der Morgensonne und Bergpanorama machte es plötzlich an Stephans Rad einen metallischen „Knacks“. Kein gutes Zeichen, das war sofort klar. Treten wie auch der Leerlauf blockierten teilweise etwas, aber es rollte noch – tolle Wolle, 40km Traumstraße lagen vor uns, nächste Siedlung fast 50km weit weg. Es hielten zwei belgischen Tourenradler an die uns zwar nicht helfen konnten, aber uns 2l Wasser daließen. Es sollte der einzige Lichtblick für einige Stunden werden. Wir rollten noch den nächsten Hügel hinunter und suchten eine Stelle, wo wir gut sichtbar und damit hoffentlich gut trampen konnten. Es gibt bzgl. dem Panorama wohl kaum einen besseren Platz, um eine Panne zu haben. Nur ein reichlich merkwürdiger Typ lief über die nahen Berghänge und knallte sinnlos Karnickel ab. Als er zu uns kam versprach er bei der Rückfahrt uns mitzunehmen, falls wir dann noch hier standen – hat der Typ natürlich nicht gehalten. Die Sonne brutzelte auf uns nieder, kein bisschen Schatten am Straßenrand, kein Lüftchen – und die Laune nur noch bedingt gut. Irgendwas hatte es innerhalb der Nabenschaltung nach rund 10.000km so zerbröselt, dass das Hinterrad überhaupt nicht mehr zu bewegen war. Damit fiel Schieben flach und wir waren auf Trampen angewiesen. Da das Tal eine Sackgasse ist fahren wir kaum Einheimische, sondern fast nur Touristen. Nach zwei Stunden und vielleicht 50 Autos haben immerhin zwei gehalten und gefragt, ob soweit alles ok ist. Mitnehmen konnte uns platzbedingt aber von denen niemand auch nur Ansatzweise. Nach vier Stunden waren wir sauber genervt von den Touristen die mit ihren fetten Campern spöttisch grinsend an uns vorbei rasten, ohne überhaupt vom Gas zu gehen. Der große Daumen mutierte zum Mittelfinger – jedem wünschten wir eine Autopanne und keinen Handyempfang um die nächste Kurve. Nach über fünf Stunden hielt ein kleiner alter Transporter, der Fahrer: Max aus Bayern und überaus hilfsbereit. Aus seinem Bett im Bus wurde Platz für unsere beiden Räder geschaffen und er fuhr uns zur nächsten Siedlung namens Twizel mit Campingplatz. Wir waren sehr dankbar und erleichtert und haben mal wieder eine Lektion gelernt. Am Campingplatz fragten wir nach einem Fahrradladen, den es hier natürlich nicht gab – aber „Jack“ repariert alles sagte man uns. Die Nabe SRAM Dualdrive II hatte Jack natürlich noch nie gesehen. Aber der Inhaber des wunderbar chaotischen wir-haben-irgendwie-allen-Krimskram-dieser-Welt-Laden versuchte alles um uns zu helfen. Rief beim SRAM-Händler von NZ an, telefonierte mit anderen Händlern, aber Neuseeländer kennen wohl leider nur normale Kettenschaltungen. Damit blieb nur eines und zwar ein neue Nabe mit neuen Laufrad – und damit der Verlust von vielen Gängen (statt 24 nur noch 8).
In Twizel lernten wir ein gut 60+ altes Rentnerpaar aus Ontario (Kanada) kennen, die auch mit dem Rad unterwegs waren – besser gesagt mit kleinen 20 Zoll Falträdern. Sehr lustig unterhielten wir uns über das (Fahrrad-)Reisen, wobei wir im Vergleich absolute Anfänger sind – am Ende gaben sie uns ihre Visitenkarte mit der herzlichen Einladung, dass wenn unsere Route über Ontario geht, wir uns bei ihnen zu Hause willkommen fühlen sollen. Es blieb nicht nur bei dieser Einladung in diesen Tagen. Am übernächsten Tag war wie von Jack versprochen das neue Laufrad geliefert und er baute es uns freundlicherweise auch sofort ein – die Reise konnte zum Glück nun wieder rollend weitergehen!
Von Twizel fuhren wir glücklich noch am selben Nachmittag nach Omarama, ein weiteres Minidorf ziemlich in der Mitte der Südinsel Neuseelands, wo es durch die umliegenden Bergketten geschützt und sehr trocken ist. Trotzdem hatten wir einige Wolken (welch Abwechslung!) am nächsten Morgen, wo wir früh starteten, um den nächsten Pass (Lindis Pass, mit 971m der höchste Highway-Punkt der Südinsel) zu überqueren. Karge und oft menschenleere Landschaft prägten die nächsten 50km, (Vieh-) Zäune gibt es aber natürlich wieder mehr als reichlich. Nach 80km und über 800hm trafen wir das Rentnerpaar vom gestrigen Abend gemütlich in einem Cafe sitzend; sie waren etwas geschafft und wollten sich ein nahes Plätzchen zum Wildzelten suchen. Uns zog es noch weiter bis nach Wanaka, nach über 115km waren dann aber auch wir stehend bzw. liegend K.o.
Der Abend auf dem Campingplatz in Wanaka wurde allerdings noch sehr lang: Wir saßen mit zwei jungen Mädels aus Israel, einem Bayer und einem Australier bis um zwei Uhr nachts zusammen; eine bunte und sehr unterhaltsame Runde. Vor allem mit Jake (www.jakeslivin.com), dem Australier, unterhielten wir uns ausgiebig. Einmal weil wir es sehr spannend fanden, dass er Neuseeland von Nord nach Süd bereist – und zwar alles zu Fuß! Zudem kommt er aus Darwin was unser Ziel in Australien sein wird. Es lud uns natürlich auch sofort wieder zu sich nach Hause ein, nachdem wir ihm erzählten, dass wir durch das Australische Outback nach Darwin fahren wollen. Er kam aus dem Schwärmen kaum raus wie toll er dies findet, weil einfach mal nichts ist, nichts über zig 100te von Kilometern. Die größte Herausforderung seines über 3000km langen Fußmarsches quer durch/über die hier nicht gerade kleinen Berge sei nicht die Physis, sondern die Psyche –  meinte er und tippte bedächtig dabei auf seine Stirn „the mind, think about your mind“. All right!

Nach Queenstown nahmen wir den direkten Weg über die Crown Range, einer von Wananka erst flach ansteigenden Straße, die dann aber vor der Passhöhe (mal wieder über 1000m, nämlich 1076m) steil und kurvig wird. Nach dem gestrigen langen Fahrtag gaben uns die letzten steilen Kilometer den Rest – wir schoben, mit nur 8 Gängen an Stephans Rad sind Steigungen von mehr als 8% eh nicht mehr tretbar. Auf der Passhöhe dann Postkarten-Panorama, vergleichbar mit den Alpen. Dazu gab es eine 11km Abfahrt damit sich hochgefahrenen Meter auch so richtig gelohnt hatten. Wir waren aber trotzdem bedient und fuhren nur noch ins nahe Arrowtown, einer ehemaligen Goldgräberstadt wie noch so einige auf der Südinsel. Queenstown erreichten wir am nächsten Tag und waren fast schon angeekelt. Eine auf Tourismus von vorne bis hinten getrimmte Stadt, bevölkert von vielen sichtbar (zu) reichen Leuten. Speedboot fahren, Gleitschirmfliegen und Co. wird hier gewinnbringend an bereitwillig zahlende, oft junge Touristen angeboten. Zudem reiht sich ein Souvenir-, Designer-, und Schmuckladen neben dem Anderen. Nichts für uns! Für einen Campingplatz 50$ (rund 34 Euro) zu verlangen fanden wir frech, aber wir waren selbst Schuld – hat uns ja niemand gezwungen in das überfüllte Queenstown zu fahren. Den Plan von hier mit dem Kohledampfer den See zu queren und dann im Niemandsland weiter zu radeln ließen wir fallen, da uns die Zeit ausging, wenn wir noch die Westküste der Südinsel gemütlich hochfahren wollten. Ja richtig, die Zeit reichte nicht! Für die Südinsel Neuseelands kann man locker alleine drei Monate mit dem Fahrrad verbringen, weil es so viele schöne Ecken gibt.
Also drehten wir in Queenstown um und fuhren zurück Richtung Norden, diesmal nicht über den Pass, sondern außen rum über Cromwell. Eine Landschaftlich schöne Strecke wenn der Verkehr nicht teilweise so stark gewesen wäre. Mit Abstand den stärksten Verkehr auf der Südinsel erlebten wir bisher hier, ähnlich wie auf der Nordinsel so oft. Die Gegend um Cromwell ist die Kirschen und auch Wein Region Neuseelands, wobei Kirschen in NZ auch hier extrem teuer sind. Apropos teuer: In Neuseeland sind trotz der klimatischen Vorteile die Lebensmittel-Preise von einer anderen Welt im Vergleich zu Deutschland. Und jeder Supermarkt hat regelmäßig über 50% Preisunterschiede auf einzelne Artikel im Vergleich zu einem Anderen der gleichen Kette – Großketten-Einheitspreise gibt es hier nicht. Mittlerweile haben wir aber ein Gefühl dafür entwickelt, was teuer ist und was nicht.
Cromwell liegt am langen Lake Dunstan, wo es doch tatsächlich mal einen kostenlosen und legalen Platz zum Campen direkt am See gab. Wildcampen fiel bisher oft wegen nicht vorhandener Möglichkeiten aus, und nach vielen Höhenmetern ist eine warme Dusche mit Seife auch oft ein bewusster Luxus, den wir oft gerne genießen.
Wieder zurück in Wanaka planten wir die Route für die anstehende Westküste Neuseelands Südinsel. Planen stellt hier auf den nächsten 400km nicht die Frage, welche Straße man nimmt, weil es schlicht keine Abzweigungen gibt, sondern wo man was zum Essen bekommt. Die Besiedelung ist überaus dünn, außer Highway und paar vereinzelten Häusern kommt hier nicht viel. Dafür umso mehr Luft zum Atem – dazu dann im nächsten Bericht mehr.

3 Kommentare zu “Neuseeland Südinsel – es bleibt sportlich

  1. Andi Bäck

    Hi Stephan,

    super tolle Bilder, einfach genial. Vielleicht hättest du in der Bank nachfragen sollen, ob sie ein wenig Hilfe von einem IT Experten benötigen. 😉

    Schöne weitere Reise euch beiden.

    LG Andi aus Österreich

  2. Walter u. Hilde Brunner

    Hallo Daniela u. Stephan.
    Toll was ihr uns an Bildern u. Berichte schickt.
    Bei mir ist alles traurig
    Weiter alles gute . Gruß Opa.

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