Liegebummler – Weltreise mit dem Liegerad

Chiles und Argentiniens Anden

Nach der Carretera Austral hatten wir erst mal genug vom Schotter, und genossen sogar einen langen geteerten Fahrradweg Richtung dem Vulkan Osorno. Ein Fahrradweg in Südamerika? Klingt europäisch und das war es auch. Das Seen-Gebiet nördlich von Puerto Montt wurde vor über 100 Jahren von vielen Deutschen besiedelt, was sich in vielerlei Hinsicht bis heute bemerkbar macht. Neben Fahrradwegen, Vollkornbrot im Supermarkt, Fleckvieh auf den grünen Weiden, Kuchen heißt hier auch Kuchen und den vielen deutschen Namen von Geschäften, fühlten wir uns fast schon in einer Landschaft, die auch gut in den europäischen Nordalpen hätte sein können. Welliges Profil, viele Seen und im Hintergrund die höheren Berge – nur eines passte im Vergleich nicht: Die perfekten kegelförmigen Vulkane. Der Osorno ist einer davon, mit seiner vergletscherten Kappe das Fotomotiv schlechthin. Auf dem Weg dorthin war kein wilder Platz am See für unser Zelt zu finden, überall Häuser mit riesigen Privatanlagen drum herum. Also fragten wir in einem Cafe namens Blumenhaus, ob wir im Garten unser Zelt aufstellen könnten. Eine alte Frau bediente den urigen Laden, mit vielen Bildern und Erinnerungen aus einem vergangenen Jahrhundert authentisch eingerichtet. Als Nachkommen von einer Familie, die um 1900 ausgewandert war, konnte die Bedienung sogar noch etwas Deutsch. So kamen wir zu unserem Schlafplatz am See mit einer Prise chilenischer Geschichte.
Auf dem weiteren Weg nach Norden waren die großen Seen nur von Stichstraßen zu erreichen, wenn man den Asphalt bevorzugt. Nach einem nervigen Tag auf geschotterter Abkürzung entschieden wir uns endgültig für den Teer auf dem Weg nach Norden. Dies bedeute etwa 80 km auf der Panamericana, was hier eine Autobahn ist. Mit einem etwas komischen Gefühl „beschleunigten“ wir auf dem Beschleunigungsstreifen der Auffahrt und wurden mit wenig Verkehr, und einem sehr breiten und sauberen Seitenstreifen begrüßt. Nach paar Kilometer wunderten wir uns über Bushaltestellen direkt an der Autobahn, als dann noch offizielle Schilder „Achtung, Personen auf der Fahrbahn“ auftauchten, war dann schnell klar, dass hier (nicht nur) der Hase anders läuft. Die Autobahn wird von allem benutzt, was laufen und fahren kann – vom Fußgänger der von der Bushaltestelle nach Hause läuft, über den Fahrradfahrer der keine Lust auf Schotter hat, den langsamen Traktor und natürlich auch die stinkenden Trucks.
Sobald es wieder Richtung der Seen ging, wurde alles viel touristischer und offensichtlich sehr beliebt als Urlaubsziel von Chilenen, dank Nebensaison waren wir aber oft alleine unterwegs. Alleine waren wir aber bald nicht mehr, Stephans Bruder Tim kam uns mit seiner Freundin besuchen – nach 15 Monaten on the road gab es das Wiedersehen am Lago Villarrica, mit perfektem Blick auf den gleichnamigen Vulkan.
Als weiteres Highlight bestiegen Stephan und Tim den 2800m hohen Vulkan Villarrica, der als ein der aktivsten Vulkane Chiles gilt, dafür aber einfach zu besteigen ist. Trotzdem ist ein Bergführer obligatorisch da gesetzlich vorgeschrieben, da der Berg nicht allein bestiegen werden darf – nicht nur deswegen ist man aber hier nie allein; ein weiterer (sehr lohnenswerter) Touristenmagnet eben. Dank frühen Start und kleinem Team ging es schnell und als führende Gruppe durch die schwarzen Lava-Hänge hinauf, im oberen Drittel sind dann Steigeisen durchaus sinnvoll gewesen, da die Hänge recht steil und vergletschert sind. Teils ist das Eis aber bedeckt durch Lavagestein, ein Zeichen dafür, dass der Vulkan aktiv ist. Auf den über 1000 Höhenmetern Aufstieg ging es durch die herbstliche Nebelschicht, vorbei an Ruinen ehemaliger Liftstationen die von Schlammlawinen zerlegt worden sind, und es bot sich mehr und mehr ein phänomenales Panorama auf das herbstliche Umland. Am Gipfel selbst durfte man sich nur 10 Minuten aufhalten; der Schwefelgehalt in der Luft war nicht übersehen bzw. überriechen. Ein Blick auf den Boden des Schlotes war zwar verwehrt, das plätschernde Geräusch der brodelten Lava und die Hitzewellen die aus dem Schlot schossen machten überaus deutlich, wo man hier gerade draufsteht. Eine Show war dann auch der Abstieg, wo wohl jeder Bergführer aus den Alpen die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hätte. Man steigt hier nicht ab, sondern man rutscht auf dem Hosenboden auf kleinen Plastiktellern runter. Durch die vielen Leute ist eine regelrechte Bobbahn auf dem Gletscher entstanden. Etwas suspekt war das aber am Anfang schon, beim Rutschen als Bremse den Eispickel zu benutzen und nicht über Gletscherspalten nachzudenken – aber einfacher und lustiger kann man wohl nicht 800 Höhenmeter in kürzester Zeit abbauen.
Vom Lago Villarrica aus entschieden wir uns für den Bus nach Santiago zu nehmen, einmal aus dem Grund, dass wir garantiert nicht in die 8 Millionen große Metropolregion einradeln wollten, zudem versprachen die 800 km dorthin nicht viel Spannendes. Die Fahrt im luxuriösen Nachtbus war die eine entspannte Variante in die Hauptstadt Chiles zu kommen, wo fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung lebt. Auf Grund der vielen Menschen und geographischen Lage wurde uns aber auch schnell klar, warum die Stadt als einer kontaminiertesten Städte der Welt gilt. Eine braun-schwarze Smog-Wolke waberte über der Stadt, und dabei waren wir dort im Spätsommer, im Winter verstärkt sich wohl das Problem noch um ein Vielfaches. Für uns waren die Menschenmassen mal wieder etwas gewöhnungsbedürftig, dabei könnte man Santiago auch nach Europa versetzen und keinem würde es auffallen. Alles wirkte sehr europäisch/amerikanisch inklusive der (gefühlten) Sicherheit. Wir besuchten hier auch das erste Mal in Südamerika eine Tochter der BayWa, was sich als Glücksfall herausstellte, weil wir keinen Plan hatten, um aus dem Millionen-Moloch rauszukommen. Einer der Mitarbeiter bot sich an, uns sagenhafte 80 km nach Los Andes raus zu fahren – an seinem einzigen freien Tag der Woche. Da fällt einem nichts mehr ein.
Wenn man von Los Andes nach Osten schaut, türmen sich die Anden wie eine überdimensionale Wand auf. Genau über diese Wand wollten wir aber darüber, unsere erste „richtige“ Andenüberquerung. Davor waren es eher niedrige Pässe über die Wasserscheide, hier nun ging es nah an die höchsten Berge der Anden heran. In Los Andes ging es auf 800m mit dem Schild los, dass es die nächsten 55 km nur Bergauf geht – das ist doch mal eine Ansage! Aber der Pass „Los Libertadores“ liegt auch auf 3200 m bzw. der Tunneleingang und die sehr gut ausgebaute Straße war nie steiler als 6 %. Das auch nicht ohne Grund: Der Pass ist eine der wichtigsten Verkehrsadern Südamerikas, so viele verschiedene Nummernschilder haben wir noch nie gesehen. Viele LKWs aus Argentinien, Chile, Bolivien, Uruguay, Brasilien und Paraguay quälen sich den Pass hoch und runter, teils nicht viel schneller als wir. Von der Straße sahen wir häufig die Gleise der Transandenbahn, die leider nicht mehr in Betrieb ist. Die Streckenführung ist mehr als abenteuerlich! Die Straße windete sich im letzten Drittel vor dem Tunnel über sage und schreibe 29 Spitzkehren auf fast 3000 m in die Höhe. Die Zuggleise verschwanden davor in einem Seitental und kamen viele Kilometer später an einem verrückt steilen Hangwieder heraus – unvorstellbar wie man die Gleise vor über 100 Jahren dort überhaupt verlegen konnte. Nach dem tollen Serpentinenabschnitt erreichten wir am zweiten Tag nach Los Andes spät nachmittags das bekannte Skigebiet Portillo auf gut 2900 m. Wir wollten und mussten hier irgendwo schlafen, und so gingen wir zur Rezeption des Luxus-Hotel: 145 US-Dollar die Nacht war dann so gar nicht unsere Liga, wir durften aber neben dem Hotel unser Zelt aufschlagen und die Toiletten des Hotels benutzen. Unsere letzte Nacht in Chile ging damit mit einer so herrlich unkomplizierten und freundlichen Gastfreundschaft zu Ende, wie wir sie hier immer wieder erleben durften! Die Nacht war nur leider gruselig, vor allem Daniela fand auf Grund der Höhe kaum Schlaf. Etwas müde ging es daher am nächsten Tag die letzten 300 Höhenmetern zum Tunneleingang auf 3200 m hinauf, wo wir sofort gestoppt wurden. Keine zwei Minuten später waren unsere Räder auf einem LKW verladen, der uns kostenlos durch den einspurigen Tunnel fuhr – adios Chile!
Auf der argentinischen Seite angekommen war der Kontrast groß: Die Berge leuchteten in rot-braunen Tönen, ganz anders auf der eher schwarzen chilenischen Seite. Die Anden, die längste Gebirgskette der Welt, stellte für uns alles in den Schatten, was wir bisher an Bergen gesehen hatten. Die Alpen wirken da im Vergleich wie ein Mittelgebirge! Da standen wir auf 3200 m und bestaunten die Berge um uns rum, die trotzdem noch teils doppelt so hoch sind wie wir waren – in Sichtweite vom höchsten Berg außerhalb des Himalayas ging es am Aconcagua (6962 m) vorbei. Die größte Abfahrt unsere bisherigen Reise stand auf dem Programm, von 3200 m runter nach Mendoza auf 750 m. Leichtes Spiel dachten wir, aber die Strecke hatte mehr und mehr Gegenanstiege und der thermische Wind legt auch wieder zu. Dieser half uns mit fast schon Sturmböen ähnlichen Rückenwind den Pass hochzufahren, nun bremste er uns beim runterfahren – man kann nicht alles haben. Dafür fanden wir an einem Gebirgsbach einen tollen Platz zum Übernachten, mit perfektem Blick auf die unendliche Hochgebirgslandschaft der Anden.
Es war keine gute Idee von uns, die geteerte Strecke von Uspallata nach Mendoza zu wählen – es war für uns die grässlichste Strecke überhaupt. Bei starkem Gegenwind, zu viel Verkehr mit keinem Seitenstreifen und zur Krönung immer wieder unbeleuchtete Tunnel verging uns jeder Spaß. Wir waren heilfroh als wir die flache Ebene erreichten. Dort angekommen ging es wieder auf kleinen ruhigen Seitenstraßen dahin und unser Tacho zeigte 19.998 … 19999 … 20.000 km an! Was für eine unglaubliche und doch gleichzeitig wenig aussagekräftige Zahl. Daniela ist in ihrem Leben schon mehr Kilometer mit dem Fahrrad als mit dem Auto gefahren.
Nicht wegen der schieren Kilometeranzahl, sondern wegen dem Gefühl der Sättigung, der Dankbarkeit über die tollen vergangen Reise-Monate, wurde für uns in Mendoza klar, dass die Reise in den nächsten Wochen in Südamerika ein Ende zu finden hat. Unschlüssig studierten wir Karten, checkten mögliche Flughäfen für den Abflug und entschieden uns für die über 2200 km entfernten Iguazu-Wasserfälle, mit einem Stop und ggf. früheren Abflug aus Cordoba, je nach Lust und Laune.
Vom grünen Mendoza ging es ratzfatz in die Wüste, und wir radelten in eine unglaublich flache Ebene gen Osten. Auf 100 km hatten wir einmal gerade mal 20 Höhenmeter, also praktisch nicht spürbar. Dafür war es mit deutlich über 30 Grad unangenehm heiß, der heiße Gegenwind kühlte auch nicht. Nicht nur landschaftlich wurden wir an Australien erinnert, auch die zu transportierende Wassermenge explodierte entsprechend. Und wieder kam die Regel zum Einsatz: Je weniger Menschen irgendwo leben, desto freundlicher sind diese: Erschöpft kamen wir an einem Tag in dem kleinen Örtchen Quines an, saßen schwitzend an der Tankstelle, wo wir Wasser aufgefüllt hatten. Da hielten zwei Rennräder neben uns, Vater und Sohn auf abendlicher Tour, und fragten uns das Übliche (woher, warum, wieso). Unser Spanisch war leider zu schlecht, um sich zu unterhalten, so dass der Mann kurzer Hand seine englisch sprechende Tochter via Handy anrief und uns das Handy hinhielt. Fünf Minuten später waren wir zum Abendessen mit Bett zum Schlafen eingeladen. Wir wurden bekocht, dass Kinderzimmer wurde für uns hergerichtet und wir wurden mit Herzlichkeit überschüttet. Es wurde dann ein lustiger Abend, man kann sich auch locker mit Bildern, Wörterbüchern und einer gesunden Lockerheit unterhalten. Einfach schön wie man eben auch mit Fremden und Unbekannten umgehen kann; da vergeht einem direkt die Lust nach Mitteleuropa zurück zu kommen, wenn man die Nachrichten verfolgt.
Mühsam kämpften wir uns weiter durch die sonst fast ungewohnte flache Ebene zum letzten Mittelgebirge auf dem Weg nach Osten – in der über 2000 m hohen Sierra de Cordoba hofften wir auf Abkühlung. Die kam dann aber schon davor, in Form von richtig viel Regen und kalter Luft unter 20 Grad. Wir nisteten uns in ein Hostel ein und waren uns einig: In Cordoba werden wir unsere Reise in Südamerika beenden.
Dass die Welt klein ist haben wir nun schon paar Mal miterlebt, auch in Cordoba sollte das wieder so sein: Eine ehemalige WG-Mitbewohnerin von Stephan ist vor paar Jahren hierher ausgewandert und wir hatten damit einen wunderbaren Abschluss der tollen Zeit in Südamerika. Ganz verlassen werden wir Südamerika aber noch nicht … aktuell genießen wir das karibische Meer auf Curacao, bevor der nächste Flieger nach Porto (Portugal) geht. Wir werden dann Anfang Mai von Porto mit einigen Schlenken durch Mitteleuropa nach Hause radeln. Europa ruft nach über 16,5-monatiger Abstinenz!

Ein Kommentar zu “Chiles und Argentiniens Anden

  1. Nikolas Goedicke

    Herzlichen Glückwunsch ihr zwei! Dann ist die Reise ja etwas schneller zu ende als gedacht.
    Ich wünsche euch einen guten Heimflug und einen guten Neustart im „normalen Leben“ in Deutschland. Wie es an den Iguazu Fällen war könnt ihr dann bei mir nachlesen 😉
    Viele Grüße aus Buenos Aires
    Niko

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