Liegebummler – Weltreise mit dem Liegerad

Australien: Vom Red Centre in die Tropen

Nach fast 700 km Schotter, Wellblech und Sand sattelten wir nach nur einem Ruhetag in Marla unsere Fahrräder wieder: Teer und Rückenwind klangen äußerst verlockend. Das nächste Etappenziel hieß Uluru (Ayers Rock), wofür wir über 500 km Programm in Kauf nahmen. Dies aus dem Grund weil die Straße dorthin eine Einbahnstraße ist, wenn man nicht eine weitere Piste fahren will – und ehrlich gesagt hatten wir nach den sehr fordernden Tagen auf dem Oodnadatta Track erstmal weniger das Bedürfnis danach. Da war er nun: Der Stuart Highway, diese fast 3000 km lange Straße mit nur einer Handvoll Abzweigungen. Der Teer auf dem Stuart Highway war, wie bisher alle Straßen in Australien, in einem Top Zustand. Ganz im Gegensatz zu Neuseeland wird hier deutlich feiner geteert, und auf den kleineren Steinchen rollte es für uns wunderbar dahin. Der Unterschied zum Schotter und Sand ist gewaltig und wir fliegen, gepusht durch 20 bis 30 km/h Wind von hinten nur so dahin. Der Verkehr hält sich auch extrem in Grenzen, es wird wohl nicht viele Landstraßen in Deutschland geben, wo weniger Verkehr ist wie hier.
Dafür gibt es hier viel mehr Roadtrains als zuvor, vor denen uns einige Australier gewarnt hatten. Nach 2000 km Roadtrain-Erfahrung können wir über die Truckerfahrer nur Positives berichten. So rücksichtsvoll sind keine anderen Verkehrsteilnehmer! Ausnahmslos alle fahren beim Überholen komplett auf die andere Spur, hupen kurz wenn es ihnen – wegen Kurve oder Gegenverkehr – zu eng wird, und wir von der Straßen sollten bzw. müssen. Da der Stuart Highway fast nie einen Seitenstreifen hat und die Druckwelle bzw. Sog der Trucks sehr stark ist, halten wir manchmal auch freiwillig kurz an. Aus gutem Grund: Die Roadtrains sind Monster-LKWs mit bis zu 4 Anhängern, fast 60 Meter lang und 100 Tonnen schwer, kurzfristige Ausweichmanöver oder Bremsen damit schon physikalisch unmöglich. Am Roadhouse in Kulgera kamen wir mit einem Fahrer ins Gespräch: Er fährt jede Woche von Adelaide nach Darwin und retour, ergibt also gute 6000 km pro Woche – da wird wohl jeder europäischer Truckfahrer blass vor Neid. Hier ist das nur zu schaffen weil die Trucks deutlich über 100 km/h fahren können, Stau nicht im Wortschatz vorkommt und Ampeln auf der Strecke an einer Hand abzuzählen sind. Das einzige was wohl bremst sind die Tankstopps: Für 100 km sind 100 Liter Diesel fällig! Seit dem Gespräch mit dem Fahrer ist er uns schon einige Male wieder auf dem Highway begegnet und winkt immer erfreut – immerhin etwas Abwechslung vielleicht.
In Erldunda, einem weiteren Roadhouse, wollten wir – so wie im Roadhouse Marla – wieder unsere Nahrungsvorräte auffüllen. Laut Homepage wurde ein kleiner Shop versprochen und wir waren verwöhnt von Marla und etwas geschockt als wir den „Shop“ in Erldunda sahen. Mehr als paar Nudeln für 4 Dollar das Päckchen und Döschen Tomatensuppe gab es nichts Verwertbares. „Na prima!“ dachten wir uns und ärgerten uns gleichzeitig, dass wir für die nächsten 250 km nichts zum Essen hatten, und damit auf das extrem teure Essen in den Roadhouses angewiesen waren. Dafür starteten wir am nächsten Morgen mit Iker, einem baskischen/spanischen Tourenradler auf unseren 500 km Umweg zum Uluru. Super lustige Tage hatten wir zusammen, Iker stellte sich als kleiner Entertainer raus und wird uns ewig für seine Betonung von „so good“ (<so gudd>) und „not bad“ (<no bat>) in Erinnerung bleiben. Die Strecke zum Uluru empfanden wir als abwechslungsreich, auch weil immer alles roter wurde – irgendwoher muss der Name „Red Centre“ ja auch kommen. Kurz vor Yulara, dem Touristenort beim Uluru, knallte es plötzlich gewaltig und Iker schrie auf. Kurzer Schock aber zum Glück nichts passiert, ihm war „nur“ der Schlauch und Mantel (!) geplatzt. Billigmantel aus dem Supermarkt, bad decision! Mit etwas Panzertape hielt der Mantel aber die 40 km nach Yulara durch, wo ein Fahrradverleih ein Ersatzmantel verkaufte. Wir sind in Australien noch gänzlich ohne Platten, sind aber genau wegen solchen Momente auf der sicheren Seite, weil wir Ersatzmäntel mitschleppen.
In Yulara, einem künstlichen Ort allein für den Tourismus wegen des Ulurus erbaut, arbeiten über 1000 Leute und das erste Mal sehen wir auch Aborigines hinter der Kasse im gut sortierten, aber preislich gehobenen, Supermarkt. Obwohl hier alles sehr auf die Touristen zugeschnitten ist, hält sich bei uns der Ansturm am Berg selbst sehr in Grenzen. Wir fahren mit dem Fahrrad, ohne Gepäck, zum Uluru und einmal drum rum und sehen nur paar Handvoll Menschen. Der Berg hat uns beide überzeugt, dass er es wert war dafür über 500 km Umweg zu fahren. Aus dem Nichts erhebt sich dieser Berg, sieht von jeder Seite komplett anders aus, die Oberfläche und Wasserlöcher sind abgefahren. Er hat definitiv etwas Mystisches an sich.
Von Yulara entschieden wir uns auf dem direkten Weg wieder zum Stuart Highway zurückzufahren. Es gäbe noch den Kings Canyon als weitere Attraktion, aber nochmals über 300 km Umweg und dazu noch tagelang Gegenwind bei über 30°C lies unsere Routenentscheidung eindeutig ausfallen.
Zurück auf dem Stuart Highway war dann Alice Springs nicht mehr weit. Die einzige Stadt, die den Status „Stadt“ verdient, im Zentrum Australiens bot allen erdenklichen Luxus – was für uns nur eines heißt: Prall mit frischen Lebensmitteln gefüllte Supermärkte zu normalen Preisen. Es kam uns reichlich merkwürdig vor in diesem „Paradies“ einzukaufen, etwas verwirrt und überfordert liefen wir alle Gänge ab – die letzten Wochen waren dann doch prägend diesbezüglich. Nach der Einkaufstour verließen wir den Campingplatz am Folgetag überhaupt nicht mehr, sondern lagen/saßen nur entspannt rum, aßen und tranken uns so richtig voll.
In Alice Springs war nach Yulara der nächste Ort, wo die Aborigines deutlich mehr vertreten waren als bisher. Auf den ersten Blick wirkten einige Sachen etwas verstörend. Auf den Gehwegen sitzen oft Aborigines rum, starren ins Nichts, wirken betäubt. Weiter steht vor jedem Bottleshop (ein extra Geschäft in Australien, nur dort darf Alkohol verkauft werden) mindestens ein bewaffneter Polizist. Nach Ladenschluss fahren Oberschenkeldicke Stahlbolzen aus dem Boden, um den Eingangsbereich abzusichern. Bei jedem Kauf wird der Pass eingescannt und mit einer Zentrale abgeglichen, ob man überhaupt (noch) Alkohol kaufen darf. Der Kauf ist stark limitiert, z.B. sind maximal zwei Liter Wein pro Tag erlaubt. Vielen Aborigines ist es generell verboten Alkohol zu kaufen, daher blüht vermutlich der Schwarzmarkt und die Kontrollen beim Kauf sind ein Ergebnis davon. In der Öffentlichkeit Alkohol zu konsumieren steht unter Strafe. Diese Zustände lassen nur einen Schluss zu: Es muss massive Probleme mit Alkohol und Aborigines geben bzw. gegeben haben. Interessanterweise fehlt den Aborigines ein Enzym für den (schnelleren) Abbau von Alkohol im Gegensatz zu (allen?) anderen Völkern dieser Erde. Zudem gibt es viele offensichtliche sozial-politische Probleme, viele sehen leider sehr fertig aus, gezeichnet von einer vermutlich – für sie zu – fremden westlichen Kultur. Die australische Geschichte bzgl. den Ureinwohnern ist eine ziemliche Katastrophe für die Aborigines, und voller Fehler seitens der europäischen Einwanderer, die nun teilweise korrigiert werden bzw. es versucht wird.
Nach Alice Springs ging es für uns weiter nach Norden, über 600 km zum nächsten Supermarkt in Tennant Creek standen auf dem Programm. Wir überquerten den südlichen Wendekreis und waren damit offiziell in den Tropen. Landschaftlich wurde es ab Alice auch zaghaft grüner, und erste farbige Blüten waren zu sehen. Unsere Augen hatten sich in den Wochen der wüstenähnlichen Landschaft automatisch darauf geschärft, jedes Detail oder noch so kleine Veränderung wahrzunehmen. So wurde es uns bisher überhaupt nicht langweilig, auch wenn die Landschaft auf den ersten Blick oft sehr monoton aussieht. Oft rufen wir uns Dinge beim Fahren zu, die der andere noch gar nicht gesehen hat. Ob es die haarigen Raupen sind, die aneinander geperlt versuchen den Highway zu queren, oder ein Känguru im Busch sitzt, oder die wunderschönen schwarzen Kakadus mit roten Schwanz vom Baum zu uns herabschauen, oder eben …hopsa, ein Dingo im Rückspiegel auftaucht. Die Rückspiegel sind für uns essentiell, weil man sich auf Liegeräder schwer bis gar nicht umdrehen kann, um nach hinten zu schauen. Als wir den Dingo im Rückspiegel auf dem Mittelsteifen auf uns zu rennend erblickten, drehten wir uns aber natürlich trotzdem  erschrocken um. Vielleicht 200 Meter hinter uns rannte ein Dingo, und wir wussten erstmal nicht was tun. Daniela schaltete paar Gänge schwerer und gab damit das Kommando: Vollgas. Mit bald 40 km/h fuhren wir für paar Minuten was die Beine hergaben. Ein Auto bremste neben uns ab, und der Fahrer meinte belustigt, dass uns ein Dingo verfolge. Ach was, echt? Scherzbold. Der Dingo hatte aber zum Glück nach weiteren Minuten die Schnauze voll von dem Tempo, und bog wieder in den Busch ab. Einen weiteren Dingo-Besuch hatten wir Tage später bei einem Buschcamp, als morgens das häufig zu hörende Geheul recht laut und damit nah war. Es raschelte dann im Busch und wir hörten das Hecheln, und das Aufkommen der Pfoten auf dem Sand, ohne Halt rannte er aber weiter. Als es hell wurde sahen wir die großen Hundespuren neben unserem Zelt. Dingos sind für Menschen eigentlich ungefährliche Tiere, und da Wildtiere auch scheu solange sie nicht an Menschen gewöhnt worden sind – wie z.B. durch füttern oder offene Mülleimer. Es blieb für uns das komische Gefühl, wenn es manchmal nachts im Busch knackte. Gesehen haben wir aber nie wieder einen Dingo.

Die Devils Marbels (zu Deutsch: Die Murmeln des Teufels) waren das Highlight auf der Strecke nach Tennant Creek. Durch Ablagerungen und Erosion sind hier bis zu 6m große Steine entstanden, oft rund und aufeinander geschichtet. In Tennant Creek trafen wir auf dem Campingplatz Nicole und Uwe (www.karifa.de), ebenso deutsche Tourenradler mit denen wir einen Tag zusammen fuhren. Es ist immer wieder sehr schön andere Weggefährten kennen zu lernen. Das praktische auf dem Stuart Highway ist, dass man sich fast schon garantiert nicht nur einmal trifft. Wir haben in Australien im Schnitt alle 500 km Fahrradfahrer getroffen, sind also nicht die Einzigen die im Outback ihren Spaß haben. So trafen wir paar hundert Kilometer weiter in Daly Waters den Tourenradler Markus (www.markusschorn.de) auf seiner auf 4 Jahre geplanten Weltreise. Nach einem gemütlichen Abend bei BBQ (all you can eat bis einem der Teller weggenommen wurde) schafften wir es am nächsten Morgen immerhin bis zum nächsten Tisch. Dort blieben wir den ganzen Tag, unterhielten uns, wurden vom lokalen Radio interviewt und zack – war auch schon der ganze Tag rum. Aber genau das macht unsere Form von reisen aus: Man bleibt da wo man will, fährt wann und wie lange man will.
Daly Waters ist wie viele andere Flugplätze (bzw. Pisten) in dieser Gegend im 2. Weltkrieg entstanden und liegen heute unbenutzt brach. Wir nutzten diese Airfields einige Male fürs Campen weil der Busch immer dichter wurde, und es nicht mehr so super einfach ist, eine flache und sichere Stelle (d.h. paar Meter weg vom Highway) zu finden.
Wir hatten seit Alice Springs auch wieder super Glück mit dem Wetter, nur wenige Tage über 30 °C und nur wenige Tage mit Gegenwind ließen uns oft rasch und nicht zu anstrengend Kilometer fressen. In Mataranka wurde uns dann so richtig klar, dass wir nun wirklich in den Tropen sind. Es gibt hier öffentlich zugängliche Quellen, wo 33 °C warmes Wasser aus dem Boden kommt. Und das ist kein Thermalwasser, sondern einfach deshalb so warm, weil hier das Grundwasser generell die Temperatur hat.
Apropos warm: Am 6. Juni geht es für uns von Darwin nach Hawaii, etwas Urlaub vom Urlaub machen, und dann weiter nach Alaska wo es immerhin mittlerweile auch schon 20 °C hat.

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